Handwerkskammer Wiesbaden

Der boxende Bäcker

Moise Lohombo ist Bäckergeselle und will als Profiboxer durchstarten

Wenn man Moise Lohombo beim Milchkaffee gegenübersitzt, erlebt man einen charmanten, freundlichen jungen Mann, der mit Begeisterung Bilder seiner Bullterrierhündin Betty auf dem Handy zeigt und ausführlich erläutert, wie viel Konditionstraining er macht: Ein Sportler, der es ernst meint, ohne Zweifel.

Im Boxring jedoch wird Moise zu "The Bullet", einem eisenharten Kämpfer, dessen Fernziel der Weltmeistertitel ist. Der junge Kongolese brennt für seinen Sport, den er seit kurzem als viel versprechender Profi betreibt. Er boxt auf diversen Sauerland Veranstaltungen, "das ist im Boxsport so etwas wie Bayern München im Fußball", erklärt der 23-Jährige. Sein Weg dorthin war nicht einfach. Mit acht Jahren kam er mit seiner ein Jahr älteren Schwester nach Deutschland, denn im Kongo herrschten Krieg und Mangel. Die schwer kranke Mutter wurde bereits in Deutschland medizinisch behandelt, sie erhielt eine Spenderniere. Der Vater schickte seine Kinder zu ihr, doch sie konnte sich aufgrund ihrer aufwendigen Behandlung nicht richtig um sie kümmern, und so landete Moise in einer Pflegeeinrichtung. "Es gab Höhen und Tiefen", beschreibt er die Zeit in der Pubertät,  "Jugendsünden", beteuert er heute. Was ihn stabilisierte, war zum einen der Sport – zunächst Fußball, dann auch damals schon Boxen,  in einem örtlichen Verein. Zum Anderen aber auch seine Ausbildung im Bäckerhandwerk. Moise lebte im Antoniusheim, "die waren natürlich auch hervorragend mit dem Johannesstift vernetzt"; beschreibt er seine Ausbildungsstätte. 

Das Wiesbadener Johannesstift wurde 1907 als Zufluchtsstätte für gefährdete Kinder und junge Frauen gegründet. Neben dem traditionellen Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit mit hilfebedürftigen Mädchen und jungen Frauen entwickelte sich im Johannesstift später ein breites Spektrum von Hilfsangeboten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene beiderlei Geschlechts. Darunter sind nun auch Möglichkeiten zur Berufsausbildung im Bäcker-, Schneider-, Küchen-, Gärtner- oder Malerhandwerk, in Gastronomie oder Hauswirtschaft. "Wir durften in alles hineinschnuppern", erinnert sich Moise, der sich auch "bei den Mädchen in der Schneiderei" versuchte. "Das war aber nichts für mich."  Am besten gefiel ihm der Beruf des Bäckers, "weil ich nachts sowieso schlecht schlafen kann. Dann kann ich auch arbeiten, hab ich mir gedacht, und hab den Tag dann noch frei für meinen Sport und meine Freunde." Moise erinnert sich gerne an Herrn Heil, seinen Ausbilder, den er zum Sommerfest im Johannesstift auch in diesem Jahr  noch besucht hat. "Er ist jetzt in Rente gegangen." Auch das Backen selbst fand er interessant. "Im Winter war immer viel mehr los als im Sommer. Die Deutschen sind ja fast süchtig nach Stollen und Plätzchen." Nach der Ausbildung fand er gleich eine Stelle bei einer großen Filialbäckerei in Wiesbaden und besuchte zusätzlich die Abendschule im Hessen-Kolleg. Aber der Wunsch - und dann auch die Chance, Boxprofi zu werden, waren stärker. "Ich bin sehr froh, dass ich die Gesellenprüfung gemacht habe", betont Moise Lohombo. "Ich sehe jetzt bei vielen Freunden, denen der Abschluss fehlt, wie schwierig das ist." Aber jetzt startet der junge Mann wirklich als Profi durch, hat seine ersten Kämpfe gewonnen und träumt von internationalen Titeln und Turnieren. "Wenn erst die Wiesbadener Rhein-Main-Halle wieder geöffnet ist...." träumt er auch von publikumswirksamen Auftritten in der Stadt, die er mittlerweile als seine Heimat empfindet. Aber er kann sich auch vorstellen, irgendwann einmal in Las Vegas  aufzutreten.

Sein Profidebüt gab er im Mai 2016. Er hat alle Kämpfe gewonnen, aber nur 85 Prozent durch K.O. Ab und zu leitet er auch Kurse für Menschen mit Behinderungen, denen er das Gefühl vermitteln will, dass sie Stärken besitzen. Das kann der Kongolese, der sich buchstäblich selbst "durchgeboxt" hat, auf authentische Weise. Ob er ab und zu noch an seine Bäckerausbildung anknüpft? "Klar", grinst Moise Lohombo. "Wenn ich mal einen Kuchen backe, zum Beispiel einen richtig guten Erdbeerkuchen - darauf fahren die Frauen total ab, das weiß ich!"